A1-Störung am 11. August: Telefonie weg, Daten da
Florian Hödl
Netzwerk-Monitoring und Automatisierung
Kurzfassung: Ein Netzausfall ist selten ein Zustand, sondern meistens mehrere gleichzeitig. Am 11. August fielen Telefonie, TV, die Website des Betreibers und abhängige Dienste aus, während mobile Daten und Standortanbindungen zu großen Teilen weiterliefen. Das ist keine Nebensächlichkeit: Es entscheidet darüber, ob ein Betrieb an diesem Nachmittag arbeitsfähig war oder nicht. Für Betreiber verteilter Standorte folgen daraus drei Fragen, die sich nach jedem solchen Tag stellen lassen und deren Antworten meistens unangenehm sind.
Was an diesem Nachmittag passiert ist
Ab etwa 15:30 Uhr häuften sich die Störungsmeldungen zum A1-Netz. Auf der Meldeplattform Allestörungen waren es zum Höhepunkt gegen 16:30 Uhr rund 2.000. Die Verteilung der Meldungen ist der erste interessante Punkt: etwa 38 Prozent entfielen auf TV, 34 Prozent auf Telefonie, 16 Prozent auf mobiles Internet. Betroffen waren außerdem a1.net selbst, die Störungshotline und Dienste, die an dieser Infrastruktur hängen, unter anderem eine Parkzahlungs-App. Auch Diskontmarken, die im A1-Netz funken, meldeten Ausfälle.
Gegen 17:00 Uhr meldete A1, dass keine Einschränkungen mehr bestehen. Einzelne Nutzer meldeten danach noch bis in den Abend Ausfälle. Am Abend präzisierte der Betreiber: Die Störung habe zwischen etwa 15:15 und 17:00 Uhr bestanden, es sei zu "Ausfällen und Fehlfunktionen bei verschiedenen A1 Services" gekommen, die Systeme würden weiterhin eng überwacht. Zur Ursache heißt es, sie sei identifiziert worden. Genannt wurde sie nicht, und mit Stand 12. August ist das der öffentliche Informationsstand. Im Newsroom des Betreibers, in dem regelmäßig Auszeichnungen und Netzausbauprojekte erscheinen, steht zu diesem Nachmittag bis heute nichts.
Warum Anrufe scheiterten, während das Internet lief
In den öffentlichen Diskussionen zu diesem Nachmittag steht ein Satz auffällig oft: Telefonie tot, mobile Daten funktionieren. Das klingt widersprüchlich, ist aber die Regel und nicht die Ausnahme.
Telefonie ist im Mobilfunk seit Jahren ein Dienst, der über eigene Komponenten im Kernnetz läuft, das sogenannte IMS. Der Datenverkehr nimmt einen anderen Weg. Fällt die Telefonie-Ebene aus, bleibt die Datenverbindung bestehen: Das Handy zeigt volle Balken, Nachrichten gehen über Internetdienste raus, nur der Anruf kommt nicht zustande. Festnetztelefonie über Glasfaser hängt in vielen Fällen an derselben Ebene, weshalb sie in solchen Situationen gemeinsam mit der Mobiltelefonie ausfällt.
Daraus folgt auch die Antwort auf eine Frage, die an diesem Nachmittag mehrfach gestellt wurde: Warum wechselt das Handy nicht einfach in ein anderes Netz? Weil es dazu keinen Anlass sieht. Das Gerät prüft, ob es sich im Heimnetz registrieren kann. Das konnte es. Ein Mechanismus, der erkennt "die Telefonie dieses Betreibers funktioniert gerade nicht" und daraufhin den Betreiber wechselt, existiert nicht. In ein fremdes Netz geht ein Endgerät nur, wenn das eigene gar nicht verfügbar ist. Die Ausnahme ist der Notruf: Der wird über jeden erreichbaren Masten aufgebaut, unabhängig vom Betreiber und unabhängig davon, ob eine SIM steckt.
Was unsere Messung gezeigt hat
Wir überwachen Internetanschlüsse von Unternehmensstandorten in ganz Österreich im Minutentakt, ein erheblicher Teil davon im A1-Netz. Während des Störungsfensters ist von diesen Standorten genau einer ausgefallen.
Diese Zahl braucht ihre Einschränkung, sonst behauptet sie zu viel. Wir messen die Erreichbarkeit der Datenanbindung, nicht die Telefonie und nicht das Fernsehen. Wir haben also genau das nicht gemessen, was an diesem Tag hauptsächlich ausgefallen ist. Was die Messung zeigt, ist trotzdem die entscheidende Information für einen Betrieb: Die Standorte waren weiter am Netz. Wer an diesen Standorten arbeitete, konnte weiterarbeiten. Wer telefonieren musste, konnte es nicht.
Ein Detail am Rande, das die Sache abrundet: Der Autor dieses Beitrags hängt privat mit einem Diskonttarif im A1-Netz und hatte an diesem Nachmittag Einschränkungen. Dieselbe Störung, dieselbe Stunde, verschiedene Erfahrungen, je nachdem, über welchen Weg man im Netz hängt.
Die unangenehmste Beobachtung des Tages
Sie steht nicht in den Nachrichten, sondern in den Kommentaren unter den Störungsmeldungen. Die häufigste Beschwerde war nicht der Ausfall. Sie war, dass die Störungshotline ebenfalls nicht erreichbar war.
Das ist der Moment, in dem Kunden aufhören, ein technisches Problem zu bewerten, und anfangen, einen Anbieter zu bewerten. Und es ist ein Muster, das sich in jeder Organisation wiederholt, die ihren Eskalationsweg über dieselbe Technik führt, die gerade ausgefallen ist. Wer den Ausfall der Telefonanlage telefonisch melden muss, hat keinen Eskalationsweg.
Drei Fragen für den Tag danach
Ein Ausfalltag ist der einzige Moment, an dem sich diese Fragen ohne Diskussion beantworten lassen, weil die Antwort noch frisch ist.
Erstens: Welche Ihrer Standorte hängen an genau einem Weg? Ein Ausfall in zentralen Systemen eines Betreibers kündigt sich nicht an. Glasfaser- und Richtfunkstrecken verschlechtern sich messbar, bevor sie stehen, dort ist Vorwarnung realistisch. Für alles andere hilft ausschließlich ein zweiter, technisch getrennt geführter Weg. Ein zweiter Vertrag beim selben Betreiber ist keiner, weil er im Ernstfall über dieselben zentralen Systeme läuft.
Zweitens: Läuft Ihr Eskalationsweg über die Technik, die ausfallen kann? Wenn die Störungsmeldung eine Telefonnummer braucht und die Telefonie das Problem ist, brauchen Sie einen zweiten Kanal, der nachweislich unabhängig ist.
Drittens: Wer hat den Ausfall zuerst bemerkt, Ihr Monitoring oder Ihr Kunde? Wenn die Antwort "der Kunde" lautet, haben Sie eine Lücke in der Überwachung.
Was dieser Beitrag nicht sagt
Er sagt nicht, dass ein Betreiber schlecht gearbeitet hat. So ein Ausfall kann jedes Netz treffen, und die Technikerinnen und Techniker, die ihn behoben haben, hatten einen langen Nachmittag. Er sagt auch nicht, dass wir so etwas vorhersagen könnten. Genau das ist der Punkt: Ausfälle in zentralen Systemen treffen ohne Vorzeichen, und kein Monitoring der Welt ändert daran etwas. Was Monitoring leisten kann, ist die Frage zu beantworten, die am Ausfalltag zählt: Betrifft es mich, welche meiner Standorte, und seit wann.
Genau diese Frage übernehmen wir im Internet-Monitoring für Kunden, und wie die Bewertung dahinter arbeitet, beschreibt Netzwerk-Monitoring, das mitdenkt. Wenn Sie nach diesem Nachmittag wissen wollen, wie Ihre Standorte dastehen: Sprechen wir darüber.
Zwei frühere Ausfälle im selben Netz
Wer diesen Nachmittag für einen Einzelfall hält, findet in den Jahren davor zwei Gegenbeispiele, und beide zeigen ein anderes Muster als das vom 11. August.
Am 14. Oktober 2019 fiel die Festnetztelefonie bundesweit für rund viereinhalb Stunden aus, Notrufnummern eingeschlossen. Auslöser war ein Hardware-Fehler in einem Steuerungselement der Festnetztelefonie. Beim Tausch der defekten Komponente wurde die Absicherung deaktiviert, worauf die Signalisierung überlastete. Der eigentliche Schaden entstand also beim Beheben des ursprünglichen Fehlers. Ein Detail aus diesem Tag ist bis heute lehrreich: Ins Leere ging kein einziger Notruf. Die Signalisierung erreichte die Leitstellen, übertragen wurde nur keine Sprache, also riefen die Disponenten zurück.
Am 18. Februar 2021 legte ein DDoS-Angriff das Festnetz-Internet in ganz Österreich für gut eine Stunde lahm. Telefonie im Festnetz und im Mobilfunk sowie mobile Daten liefen weiter. Das ist das exakte Spiegelbild des 11. August: Damals stand der Datenweg still und telefonieren funktionierte, diesmal umgekehrt.
Zwei Ausfälle im selben Netz, zwei gegenläufige Muster. Das ist der praktische Grund, warum die pauschale Frage "ist das Netz down" nichts wert ist. Sie hat drei mögliche Antworten, und welche davon zutrifft, entscheidet über den Arbeitstag.
Was solche Tage statistisch sind
Netzbetreiber in der EU müssen schwerwiegende Vorfälle an ihre Regulierungsbehörde melden, und diese Meldungen laufen bei der EU-Agentur ENISA zusammen. Der jüngste Bericht deckt 2024 ab: 188 gemeldete Vorfälle aus 26 EU-Staaten und zwei EFTA-Staaten, ein Fünftel mehr als im Jahr davor. Über alle Meldungen hinweg kamen 1,74 Milliarden verlorene Nutzerstunden zusammen, nach 3,9 Milliarden im Jahr 2023. Über den gesamten Erhebungszeitraum ergibt das im europäischen Schnitt alle zwei Tage einen meldepflichtigen Vorfall.
Aufschlussreich ist die Aufteilung nach Ursachen. Systemausfälle machten 113 der 188 Vorfälle aus, also 60 Prozent. Menschliche Fehler folgten mit 19 Prozent, Naturereignisse mit 13, böswillige Handlungen mit 8. Innerhalb der Systemausfälle sind Software-Bugs und Hardware-Fehler die beiden häufigsten technischen Ursachen, mit je 19 Prozent. Und das ist kein Ausreißerjahr: Seit 2012 stehen Systemausfälle in jedem einzelnen Jahr an der Spitze, im Schnitt mit 65 Prozent aller Vorfälle.
Die zweite Zahl betrifft die Wirkung, und sie dreht die Rangordnung um. Häufigste technische Einzelursache war 2024 der Kabelschnitt mit 41 Vorfällen. Zählt man statt der Vorfälle die verlorenen Nutzerstunden, wandert die fehlerhafte Software-Änderung nach vorne: 515 Millionen Stunden gegenüber 331 Millionen bei Kabelschnitten. Der Bagger passiert häufiger. Die missglückte Änderung im laufenden System kostet mehr.
Eine dritte Zahl passt zu diesem Nachmittag besonders gut: 65 der 188 Vorfälle gingen auf Ausfälle bei Dritten zurück. Wer einen Anschluss kauft, kauft eine Kette von Zulieferern mit, die im Vertrag nicht auftaucht.
Für den 11. August heißt das: Die Formulierung "einige interne und externe Systeme" beschreibt genau jene Kategorie, die diese Statistik seit dreizehn Jahren anführt. Am wenigsten wahrscheinlich ist der Ausfall, den man sich bildlich vorstellt, also die durchtrennte Leitung. Am wahrscheinlichsten ist der, den man nicht sieht.
Häufig gestellte Fragen
Warum funktioniert das Internet, aber Anrufe gehen nicht?
Weil Telefonie und Datenverkehr im Mobilfunk über verschiedene Komponenten laufen. Telefonie wird über das IMS abgewickelt, der Datenverkehr nimmt einen anderen Weg durchs Kernnetz. Fällt die Telefonie-Ebene aus, bleibt die Datenverbindung bestehen, und das Gerät zeigt weiterhin vollen Empfang.
Warum wechselt mein Handy bei einer Störung nicht automatisch in ein anderes Netz?
Weil es sich im eigenen Netz erfolgreich registrieren kann und deshalb keinen Fehler erkennt. Ein Endgerät wechselt nur dann in ein fremdes Netz, wenn das eigene gar nicht verfügbar ist. Es gibt keine Prüfung, ob einzelne Dienste des Betreibers funktionieren.
Geht der Notruf, wenn mein Betreiber gestört ist?
Der Notruf wird über jeden erreichbaren Masten aufgebaut, unabhängig vom Betreiber. Er ist damit deutlich robuster als normale Anrufe. Wer allerdings ausschließlich über ein VoIP-Telefon am Festnetz erreichbar ist, hat diese Absicherung nicht.
Hilft Monitoring gegen so einen Ausfall?
Es verhindert ihn nicht. Es beantwortet die Fragen, die am Ausfalltag zählen: Ist mein Standort betroffen, seit wann, und liegt es an meiner Technik oder am Netz des Betreibers. Ohne eigene Messung bleibt nur die Meldung des Betreibers, und die kommt spät und gilt für das ganze Land, nicht für Ihren Standort.
Was hilft dann gegen Ausfälle in zentralen Systemen?
Ein zweiter, technisch getrennt geführter Weg. Entscheidend ist die Trennung: ein zweiter Vertrag beim selben Betreiber läuft im Zweifel über dieselben zentralen Systeme und fällt gemeinsam mit dem ersten aus.